Die Götterdämmerung. Richard Wagner.
Oper.
Nicholas Carter, Ewelina Marciniak, Mirek Kaczmarek, Mikolaj Karczewski, Bernhard Bieri, Zsolt Czetner. Bühnen Bern.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. März 2025.
> Jetzt hat das hochbegabte, mutige und gescheite Leitungsteam den Berner Jahrhundertring mit der "Götterdämmerung" zur Apotheose gebracht. Seine szenische Erzählweise ist verschlankt. Die Bühne bietet eine Reihe starker, tragfähiger Bildsymbole, die der Musik Raum zur Entfaltung lassen. Und da können alle zeigen, was sie draufhaben. Der Chor: noch nie so gut. Die Solisten: umwerfend. Das Berner Symphonieorchester: überwältigend. Wenn man nach der Aufführung wieder ins Freie tritt, kommt es einem vor, als bleibe das halbe Leben im Stadttheater zurück. Die sechs Stunden Wagner waren so intensiv gefüllt, dass sich das liebe Bern daneben schal ausnimmt. Aber sein Jahrhundertring – der wird sich in die Erinnerung eingraben. <
Die Inszenierung verzichtet auf Video. Dafür setzt sie Tänzer ein. Dario Rigalia spielt Grane, Brünnhildes Pferd. Sein schwarzer Wuschelkopf lädt zum Streicheln ein. Brünnhildes Hand fährt kosend darüber. Auch Siegfrieds Hand greift liebevoll in die Mähne des Tiers. In den Berührungen eines Wesens mit dem andern zeigt sich, für Sekunden, die Utopie der fraglosen Übereinstimmung.
Den Menschen ist sie versagt. Siegfried unterliegt den Machinationen seiner Feinde. Während Tenor James Kee die Noten singt, verkörpert Tänzer Rafal Matusiak die nackte Seele des Helden, zuerst rein und strahlend, dann blutig und hingemetzelt. Sein edler Leib landet in einem gläsernen Schaukasten wie der eingepferchte tote Octopus, dessen beengte Tentakel über den Rand des Behältnisses ragen.
Das Bild mischt erotische Schaulust mit sadistischer Freude an Grausamkeit und Mord. Auf diese Weise erfassen Regisseurin Ewelina Marciniak, Bühnenbildner Mirek Kaczmarek und Choreograph Mikolaj Karczewski das Wesen einer jeden ernsten Oper, ganz besonders aber der "Götterdämmerung". Die Inszenierung ist demzufolge mehrschichtig und hochreflektiert.
Auch Brünnhilde wird verdoppelt. Am hohen Seil verwirklicht Luftakrobatin Jess Gardolin den Traum schwereloser Schönheit. Doch die leidende Walküre (Claude Eichenberger) muss auf dem Boden der harten Männerwirklichkeit leben. Immer wieder thematisiert die Inszenierung mit dem Symbol des Buchs den Hiatus zwischen Wunsch und Wirklichkeit, wie ihn die Aktualität (nicht nur) unserer Tage mit unabweisbarer Schärfe vor Augen führt. So spiegelt die Berner "Götterdämmerung" die Weltverhältnisse.
Verdoppelt schliesslich wird Alberich, der entmannte, heimtückische Zwerg (der "Lustfreie, Leidbelastete"), aus dessen Gier nach Gold und Macht das kapitalistische Verhängnis emporstieg, von dem "Der Ring des Nibelungen" handelt. Wenn der Bariton Lawson Anderson auftritt, um "Hagen, mein Sohn! Hasse die Frohen!" zu rufen, wird er begleitet von einem hinkenden buckligen Wesen, verkörpert vom Tänzer Bastian Louis. Durch Hereinnahme des Tanzes vollzieht sich die Oper mithin zwischen den Polen Hässlichkeit, Gewalt und Schönheit.
Auch das Bühnenbild legt die Kernbestandteile des Werks bloss. Unendlich fern von der Trompe-l'oeil-Malerei der historischen Pappkulissen im Bayreuther Festspielhaus verweigert sich die Berner Bühne als Konterpart zur Musik jeder Spur von Grandiosität. In keiner Weise soll das Auge überwältigt werden. Trash und schmuddelige Unscheinbarkeit halten das Publikum auf Distanz. "Hoiho! Hoiho! Hoihe!" Das Motiv der Jagd wird aufgenommen vom Bild der Fleischerei. Da hängen Stücke von Tierleibern am Haken. "Hier rasten wir und rüsten das Mahl."
Schwarze Plastikbahnen erinnern an das Material zerknitterter Kehrichtsäcke. Im Licht von Bernhard Bieri nehmen die Falten zeitweise pflanzliche Formen an. Walhalla, die Götterburg, und Brünnhildes Aufenthalt sind nichts als Luft. Sie bläst ein riesiges hellgraues Plastikkissen auf. Damit ist im Gesamtkunstwerk des Berner "Rings" jeder Part autonom: Die "Oper mit einem Vorspiel und drei Akten von Richard Wagner", die "Dichtung vom Komponisten" und die szenische Darstellung durch das Produktionsteam. Im Ganzen: Keine Redundanz. Nur Substanz.
Angeleitet vom abtretenden Chefdirigenten Nicholas Carter (er wechselt nächste Spielzeit als GMD nach Stuttgart) wachsen alle Beteiligten über sich hinaus. Das Ensemble zeigt eine Homogenität, von der die Wiener Staatsoper zur Zeit nur träumen kann. Zsolt Czetners Chor ist eine Wucht. Und das Berner Symphonieorchester – ich sag's nicht zum ersten Mal – zum Niederknien. Traumhaft schön verwirklicht es die Wechsel von Farbe und Dynamik, die Übergänge von einem Motiv und von einem Klima zum nächsten. Und jeder Ton ist schön. Reine Klangsinnlichkeit.
Man sich wird nach dieser Realisation lange zurücksehnen.
Die Rheintöchter.
Brünnhilde und ihr Double.
Siegfried und Hagen.