Herrlich verwuseltes Bühnenbild. © Moritz Schnell.

 
 

 

Sonny Boys. Neil Simon.

Komödie.

Stefan Müller, Sophie Lux/Sarah Smets-Bouloc. Theater in der Josefstadt, Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 13. März 2025.

 

> Das Theater in der Josefstadt zitiert den "Kurier": "Herbert Föttinger und Robert Meyer brillieren um die Wette." Die "Kronen Zeitung" rühmt: "Man folgt beeindruckt zwei entfesselten Tragikomikern, wie man sie auf Wiener Bühnen kaum noch zu sehen bekommt. Ein Triumph in der Höchstliga." Eine halbe Stunde vor der Repertoirevorstellung sind die Sträussel-Säle mit Gästen und Erwartungen dicht gefüllt. Alle Münder sprechen vom bevorstehenden Ereignis. Doch am Ende rühren sich die Hände nur matt zum Applaus. Die "Sonny Boys" waren kein umwerfender Erfolg. Wie ist die Enttäuschung zu erklären? <

 

Waren die Erwartungen zu hoch? Aber mit dieser Besetzung! "Ein programmierter Altherrenhit", versprach der "Falter". Robert Meyer war am Wiener Burgtheater 33 Jahre lang der beste Nestroy-Darsteller. Seine Figuren hatten Umriss. Auf verschobene Weise waren sie zugleich liebenswürdig und beschränkt, wie es sich für die Posse gehört. Der Kammerschauspieler hatte ein fabelhaftes Gespür fürs Tempo. Trocken und präzis setzte er seine Pointen und schuf unvergessliche Nestroy-Erfahrungen.

 

Sein Partner Kammerschauspieler Herbert Föttinger verwirklichte am Haus, das er seit 2006 leitet, die grossen Rollen des realistischen Repertoires. Sie bekamen bei ihm Breite des Ausdrucks, menschliche Grösse und einen Zug von Melancholie. Als Robert Meyer an der Wiener Volksoper als erfolgreicher Direktor nicht mehr wiedergewählt wurde, weil das Ministerium endlich eine Frau haben wollte, rief ihm Föttinger zu: "Komm zu uns!"

 

Man konnte also erwarten, dass ein besonderes Fest steige, wenn die beiden Kammerschauspieler ein altes Komikerduo namens "Sonny Boys" verkörperten. Aber manchmal gibt Plus mal Plus Minus. Namentlich in den Künsten.

 

Wie aber ist die Enttäuschung zu erklären? Übertriebene Erwartung? Vorübergehendes Tief in der Tagesform? Oder liegt es an der Trockenheit der Regie? In ihrer Premierenkritik sprach "Die Presse" wohl von "Stephan Müllers raffiniert schlichter Inszenierung", doch Christian Schirm, Leiter der Opéra Garnier von 1995 bis 2004, hätte gemurmelt: "Mehr Schmalz!" Und zu recht. Wer das Stück von anderen Aufführungen her kennt, sah sich um verschiedene Momente betrogen.

 

Die Pralinen, welche die Krankenschwester nascht, sind in der Wiener Inszenierung so nebensächlich, dass sie wegbleiben könnten. Anderswo ergeben sie eine Nummer; doch nicht in der Josefstadt. Der prononcierte slawische Akzent, den Larissa Fuchs imitieren darf, wiegt das Manko nicht auf.

 

Enttäuschend auch der nebensächlich auftretende Neffe von Dominic Oley. Er spielt die für alle Lustspiele unabdingbare Rolle des Vernünftigen, doch erscheinen bei ihm Überforderung, Loyalität und guter Wille nicht ausgeprägt genug, um ihn zur wirksamen Kontrastrigur zu den Verrückten und Einseitigen zu machen.

 

In der Fernsehaufnahmeszene unterschlägt das herrlich verwuselte Bühnenbild von Sophie Lux und Sarah Smets-Bouloc mit seinem dekuvrierenden Zug ins Messiehafte das Skelett. Was ist der Grund? Schonung des Publikums? Angst vor Trigger?

 

Nun aber hält die Aufführung dem Blick des Adorno-Seminars nicht mehr stand. Im Grund thematisieren ja die "Sonny Boys", wie viele grosse Theaterstücke, die Uneinholbarkeit der Vergangenheit. Neil Simon zeigt das durch eine frappante "Philosophie der Dinge". Wenn die komische, 32 Jahre lang höchst erfolgreich gespielte Doktor-Nummer im Fernsehen nach Jahrzehnten wieder ausgestrahlt wird, ist der Komiker eingeschlafen, und das Kabel wird von der unachtsamen Krankenschwester aus dem Apparat gerissen, so dass nun alle – die Figuren auf der Bühne wie die Zuschauer im Saal – mit einem einzigen unbarmherzigen Schlag von dem abgetrennt werden, was einmal war. – Wenn die Inszenierung diesen Höhepunkt nur gebracht hätte! Dann hätte das Theater in der Josefstadt ein Gratulationstelegramm von Franz Kafka bekommen. Jetzt muss es sich mit dem Lob der Wiener Presse begnügen.

Heute noch auf stolzen Rossen. 

Morgen durch die Brust geschossen. 

Und am Ende bist du tot. 

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